Mein lieber Sohn 1/2Kapitel

Des Hl. Aurelius Augustinus (354-430)  
Handbüchlein über Glaube Hoffnung und Liebe / Enchiridion 

Kapitel I. Kapitel II. Kapitel III. Kapitel IV. Kapitel V. Kapitel VI. Kapitel VII. Kapitel VIII. Kapitel IX. Kapitel X. 
Kapitel XI. Kapitel XII. Kapitel XIII. Kapitel XIV. Kapitel XV. Kapitel XVI. Kapitel XVII. Kapitel XVIII. Kapitel XIX. Kapitel XX. 
Kapitel XXI. Kapitel XXII. Kapitel XXIII. Kapitel XXIV. Kapitel XXV. Kapitel XXVI. Kapitel XXVII. Kapitel XXVIII. Kapitel XXIX. Kapitel XXX.  Kapitel XXXI. Kapitel XXXII. Kapitel XXXIII.

Kapitel I.                        

1. Ich kann dir gar nicht sagen, mein lieber Sohn Laurentius, wie sehr ich mich über deine Kenntnisse (in der christlichen Lehre) freue und dich weise zu sehen wünsche. Allerdings möchte ich nicht, dass du zu der Zahl jener Weisen gehörtest, von denen es heißt: „Wo ist denn der Weise, wo der Schriftgelehrte, wo der Forscher dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?“- sondern zu jenen, von denen geschrieben steht: „Eine Vielzahl von Weisen bedeutet Heil für die Welt“, oder die der Apostel sich ersehnt, wenn er sagt: “Ich wünsche, ihr möchtet weise sein für das Gute und voller Einfalt gegenüber dem Bösen“.
 
 
 2. Des Menschen Weisheit aber ist seine ehrfurchtsvolle Gesinnung. Das findest du im Buche des hl. Job ausgedrückt. Denn dort liest man, dass die Weisheit selbst dem Menschen gesagt hat: „Siehe, ehrfurchtsvolle Gesinnung, das ist Weisheit“. Wenn du aber fragst, welche ehrfurchtsvolle Gesinnung die Weisheit an dieser Stelle gemeint hat, so findest du dafür im griechischen Text das deutlichere Wort „θεοσέβεια“, das gleichbedeutend ist mit Gottesverehrung. Die griechische Sprache kennt noch ein Wort für Pietät, nämlich „εὐσέβεια“. Damit wird die rechte Verehrung bezeichnet, obgleich auch dieses Wort sich hauptsächlich auf die Gottesverehrung bezieht. Aber wenn es darum geht, darzulegen, was für den Menschen Weisheit bedeutet, dann ist kein Ausdruck besser als der, welcher ganz klar die Gottesverehrung aussagt. Du verlangst von mir, ich solle einen großen Inhalt mit kurzen Worten umschreiben: Wünschest du einen noch prägnanteren Ausdruck [als Gottesverehrung]? Oder willst du vielleicht, ich solle dir gerade den Punkt, wie Gott denn zu ehren sei, kurz auseinandersetzen und in eine knappe Darlegung zusammenfassen?
 
 
 3. Wenn ich dir nun darauf antworte, Gott müsse mit Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt werden, so wirst du mir gewiß gleich erwidern, damit sei allerdings meine Antwort in eine kürzere Form gefaßt als dir selbst lieb ist; und du wirst dann sofort weiter bitten, ich solle dir wenigstens in Kürze darlegen, was denn zu jedem dieser drei Stücke gehöre, das heißt, was man denn glauben, hoffen und lieben müsse. Gehe ich aber auf diese Fragen ein, so habe ich damit auch schon alle Fragen deines Briefes beantwortet. Falls du also noch eine Abschrift davon in Händen hast, so kannst du sie ganz leicht noch einmal durchgehen und nachlesen, andernfalls magst du sie dir mit meiner Unterstützung ins Gedächtnis zurückrufen.
 
 
4. Du willst nämlich, wie du mir schreibst, ich solle für dich ein Buch verfassen, das dir, wie man so sagt, als Handbuch dienen und als solches nicht aus der Hand kommen soll. Dieses Buch soll alle gewünschten Antworten enthalten, beispielsweise, wonach man vor allem streben und wovor man wegen der verschiedenen Irrlehren hauptsächlich fliehen müsse, inwieweit die Vernunft der Religion zu Hilfe kommt, oder wieweit es gegen die Vernunft verstoße, wenn einer bloß einen Glauben [ohne Vernunftüberzeugung] habe, worauf es in erster Linie und worauf es letzten Endes ankomme, was das Wesentliche des ganzen [christlichen] Lehrgebäudes sei und schließlich, worin die sichere und recht eigentliche Grundlage des katholischen Glaubens bestehe. Über all diese deine Fragepunkte wirst du ganz sicheren Bescheid wissen, sobald du dir einmal darüber klar wirst, was Gegenstand unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unserer Liebe sein muß. Denn das ist die hauptsächliche, ja einzige Richtschnur unseres religiösen Lebens. Wer sich damit in Widerspruch setzt, der steht Christus entweder gänzlich fremd gegenüber oder ist wenigstens ein Irrgläubiger. Soweit diese Wahrheiten entweder aus unserer körperlichen Sinneswahrnehmung oder aus der Erkenntniskraft unseres Geistes stammen, muß man sie mit Vernunftgründen verteidigen. Was wir aber weder dank der Sinne unseres Körpers wissen, noch auch kraft unseres Verstandes begreifen könnten oder begreifen können, das müssen wir fest und unbezweifelt glauben auf das Zeugnis derer hin, von denen die mit Recht göttlich genannte [Heilige] Schrift verfaßt worden ist und denen es durch Gottes Beistand gegeben war, jene Dinge entweder mit den Augen des Leibes oder des Geistes zu schauen oder auch vorherzusehen.
 
5. Ist aber die Seele einmal zu den Anfängen des Glaubens vorgedrungen, der durch die Liebe tätig ist , dann strebt sie, durch ein gutes Leben auch zu jenem Schauen zu gelangen, worin die heiligen und vollendeten Seelen jene unaussprechliche Schönheit erkennen, in deren vollkommener Anschauung die höchste Seligkeit besteht. Damit ist auch bereits deine Frage beantwortet, worauf es in erster Linie und worauf es letzten Endes ankomme: der Glaube ist der Anfang, das Schauen die Vollendung . Das ist auch das Wesentliche der ganzen [christlichen] Lehre. Die sichere und recht eigentliche Grundlage des katholischen Glaubens aber ist Christus: „Denn einen anderen Grund“, sagt der Apostel [Paulus], „kann niemand legen als den, der [durch Paulus von Gott selbst] gelegt worden ist, nämlich Christus Jesus.“ Daß dieses die eigentliche Grundlage des katholischen Glaubens ist, läßt sich auch nicht darum in Abrede stellen, weil man vielleicht meinen könnte, wir hätten diese Grundlage mit verschiedenen Irrgläubigen gemeinsam. Denn wenn man sorgfältig erwägt, was eigentlich zu Christus gehört, so findet sich Christus allerdings bei all den Irrgläubigen, die sich Christen nennen lassen; er findet sich aber nur dem Namen nach bei ihnen, in Wirklichkeit ist er es aber nicht. Dies im einzelnen darzulegen, das würde gar zu weit führen; denn sonst müßte man alle Irrlehren aufzählen, die früheren sowohl wie die gegenwärtigen und alle diejenigen, die sich überhaupt unter christlichem Namen hätten bilden können. Bei all diesen Irrlehren müßte man die Wahrheit unserer Behauptung nachweisen: eine solche Arbeit würde aber so viele Bücher erfordern, daß sie geradezu als endlos erschiene.
 
6. Ein Enchiridion verlangst du also von mir, das heißt ein handliches Büchlein, nicht einen dicken Folianten, der den Bücherschrank belastet. Um also auf jene drei Stücke zurückzukommen, wodurch, wie wir gesagt haben, Gott verehrt werden muß, nämlich auf den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, so ist es ganz leicht zu sagen, was den Gegenstand des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe ausmachen muß; aber wie man ihre Verteidigung gegen die Verleumdung Andersdenkender führen soll, das darzulegen wäre Sache einer mühevolleren und umfassenderen Gelehrsamkeit. Will jemand in deren Besitz gelangen, so darf er nicht bloß ein kleines Enchiridion zur Hand nehmen, sondern er muß seine Brust mit einem mächtig glühenden Eifer entflammen.
 
 
Kapitel II.
 
7. Siehe, du hast das [apostolische] Glaubensbekenntnis und das Gebet des Herrn! Was könnte einer Kürzeres hören oder lesen? Was leichter seinem Gedächtnis einprägen? Weil sich nämlich das Menschengeschlecht infolge der Sünde von schwerer Not gedrückt fühlte und der göttlichen Erbarmung bedurfte, so sagte der Prophet im Hinblick auf die kommende Zeit der Gnade: „So wird es sein: ein jeder, der den Namen des Herrn anruft, der wird selig sein“: daher das Gebet. Der Apostel [Paulus] aber fügte dort, wo er zum Preis der Gnade dieses Prophetenwort anführt, sogleich noch hinzu: „Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben?“: daher das Glaubensbekenntnis. Siehe, in diesen beiden Stücken [nämlich dem Gebet und dem Glaubensbekenntnis] achte auf jene drei Tugenden: der Glaube glaubt, die Hoffnung und die Liebe beten; da diese beiden Tugenden aber ohne Glauben nicht bestehen können, so kann man sagen: auch der Glaube betet. Darum eben heißt es: „Wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben?“
8. Wie kann man aber etwas erhoffen, woran man nicht glaubt? Dagegen kann man etwas, worauf man nicht hofft, doch glauben. Welcher Gläubige glaubt z.B. nicht an die Strafe der Gottlosen? Erhoffen aber wird er sie nicht; und wenn sich jemand davon bedroht glaubt und in flüchtiger Gemütsbewegung davor zurückschaudert, so sagt man von einem solchen richtiger: „er fürchtet sich davor” als „er hofft darauf“. Diese beiden Begriffe scheidet ein Dichter, wenn er sagt: „Neben der Furcht sei noch Raum für die Hoffnung!" Ein anderer, sonst freilich hervorragender Dichter gebraucht dagegen den Ausdruck nicht im eigentlichen Sinn, wenn er spricht: „Wenn ich einen solchen Schmerz hoffen konnte." Diesen Vers führen auch einige Grammatiker an, um an ihm den Gebrauch einer uneigentlichen Redeweise aufzuzeigen; sie sagen: [Vergil] hat hier „hoffen“ statt „fürchten“ gebraucht. Auf Gutes und auf Böses bezieht sich also der Glaube, weil man Gutes und Böses glauben kann, und zwar mit gutem, nicht mit bösem Glauben. – Sodann bezieht sich der Glaube auf Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. So glauben wir z.B. daß Christus gestorben ist: da haben wir etwas Vergangenes; wir glauben, daß er zur Rechten des Vaters sitzt: das trifft für die Gegenwart zu; und wir glauben, daß er zum Gerichte kommen wird: das wird in der Zukunft eintreten. – Der Glaube bezieht sich ferner auf eigene und auf fremde Angelegenheiten: so glaubt z. B. ein jeder von sich, daß er einmal einen Anfang genommen hat und daß er nicht schon von Ewigkeit her ist; geradeso glaubt er auch von anderen Menschen dieses und jenes; und nicht bloß von den anderen Menschen glauben wir vieles, was die Religion betrifft, sondern auch von den Engeln.
Die Hoffnung aber gilt nur Gutem und nur Zukünftigem, und zwar nur solchen Gütern, die den angehen, der die Hoffnung auf sie hegt. Aus diesen Gründen muß demnach zwischen Glaube und Hoffnung unterschieden werden, und zwar sowohl dem Wortlaute nach als auch mit einer vernunftgemäßen Unterscheidung. Denn was das Nichtsehen dessen anbelangt, was man glaubt oder hofft, so ist dies dem Glauben und der Hoffnung gemeinsam. So wird in dem Brief an die Hebräer, auf dessen Zeugnis sich hochangesehene Verteidiger der katholischen Glaubensregel berufen haben, der Glaube „als eine sichere Überzeugung von dem bezeichnet, was man nicht sieht“. Wenn dessen ungeachtet jemand erklärt, er habe weder Worten noch Zeugen, noch schließlich auch irgendwelchen Beweisgründen, sondern nur dem klaren Augenschein geglaubt, d.h. seine innere Zustimmung geschenkt, so erscheint darum seine Behauptung doch nicht so falsch, daß man ihn deshalb mit Recht tadeln und ihm sagen könnte: „Du hast gesehen, hast also nicht geglaubt“, und es könnte daher auch jemand meinen, es treffe folgerichtig der Satz nicht zu, daß nichts von dem, was Gegenstand des Glaubens ist, gesehen werden könne. Allein es ist doch besser, nur das wirklich Glauben zu nennen, was das Wort Gottes als solchen erklärt, nämlich das Fürwahrhalten dessen, was man nicht sieht. Auch bezüglich der Hoffnung sagt der Apostel: „Eine Hoffnung, die man sieht, ist keine Hoffnung; denn wie soll einer das, was er sieht, erhoffen? Wenn wir aber das erhoffen, was wir nicht sehen, so erwarten wir es mit Geduld.“ Somit ist also der Glaube an künftige Güter nichts anderes als unsere Hoffnung darauf.
Was soll ich dann schließlich von der Liebe sagen, ohne die der Glaube nichts nützt? Hoffnung aber ohne Liebe kann nicht einmal bestehen. Glauben haben ja schließlich, wie der Apostel Jakobus sagt, sogar die Teufel, wenn sie auch dabei zittern; doch hoffen und lieben sie nicht, sondern sie haben nur vor dem, was wir erhoffen und lieben, Furcht im Glauben an die Zukunft. Darum lobt und empfiehlt der Apostel Paulus jenen Glauben, „der durch die Liebe wirksam ist“ und der ohne Hoffnung durchaus nicht bestehen kann. Somit besteht weder die Liebe ohne die Hoffnung noch die Hoffnung ohne die Liebe, noch diese beiden Tugenden ohne den Glauben.